Die Zeitschrift „Bulgaren in Österreich“ nimmt in der österreichischen Medienlandschaft eine Sonderstellung ein.
Enstanden aus einem Projekt an der Uni Wien hat sich die Zeitschrift inzwischen etabliert.
Durch ihre Bilingualität wird sowohl deutschsprachiges als auch bulgarisches Publikum erreicht. Ausführliche Interviews sind besonderes Markenzeichen der Zeitschrift, die monatlich erscheint.
Für Chefredakteurin Elitsa Karaeneva ist die Herausgabe der Zeitschrift eine Herzensangelegenheit, die sie mit unglaublichem persönlichen Engagement vorantreibt. Im Folgenden Gespräch, im Mai 2009 geführt, lesen Sie, was Frau Karaeneva antreibt, was sie über Bulgarien und das Leben und Schaffen in Österreich denkt.
Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bei Frau Karaeneva für das Gespräch bedanken, das in einer ruhigen und entspannten Atmosphäre stattfand. Von meiner Seite bleibt nur noch alles Gute für die Zukunft der Zeitschrift zu wünschen und Sie, liebe Leser, hoffentlich spannend zu unterhalten. Sollte das Interview Ihr Interesse geweckt haben, dann zögern Sie nicht die Homepage der Zeitschrift zu besuchen, am Forum teilzunehmen, oder die Zeitschrift zu abonieren.

Elitsa Karaeneva, Chefredakteurin von "Bulgaren in Österreich"
http://www.bulgaren.org/Deutsch/index_de.html
Martin S.: Elitsa, was empfindest du, wenn Du an Bulgarien denkst?
Elitsa K. : Wahrscheinlich unterscheide ich mich da nicht von den meisten anderenBulgaren. Zuerst sticht mal das Chaos ins Auge. Wenn ich lange Zeit nicht dort war, dann ist das Bild zunächst wunderbar, die Gebirge und die Natur sind einfach perfekt. Bin ich aber erst einmal dort, dann bin ich immer wieder enttäuscht zu sehen, in welche Richtung sich das Land entwickelt…
M.: Du sprichst jetzt von welcher Entwicklung? Von der politischen oder von der gesellschaftlichen?
E. : Politisch ist es fraglos schlimm, es ist dann schwer Bulgarien zu mögen. Aber auch wie die Leute sich benehmen…es ist auch schwer die Bulgaren selber zu mögen. Wenn man hier aus dem Westen kommt, ist man ja gewohnt, dass alles seine Ordnung hat und dann ist Bulgarien erstmal wie ein Schock.
M.: Siehst du darin nicht auch eine Chance? Darin, dass alles so ungeordnet ist?
E.: Ich hoffe, dass es eine Chance auf Veränderung gibt. Ich glaube diesen Negativismus finden wir am meisten in Sofia, in den kleinen Städten ist es nicht so schlecht wie in der Hauptstadt. In den kleinen Städten und auf den Dörfern ist der Mensch noch eher Mensch geblieben, sie sind netter dort und fröhlicher und das obwohl sie unter sehr schwierigen Umständen leben. In Sofia leben einfach zu viele Menschen und alles ist schlecht organisiert, auch wenn kleine Verbesserungen, zum Beispiel im Straßenverkehr, sichtbar werden.
M.: Du hast, soweit ich weiß, in Bulgarien studiert?
E.: Ja ich habe dort das Bakkalaureat abgeschlossen.
M.: Dann für den Master bist du nach Wien gekommen. Gab es einen besonderen Grund gerade Wien zu wählen?
E.: Ich habe einfach viele Freunde, die in Wien zum Teil auch studiert haben und die mir gerade am Anfang sehr geholfen haben.
M.: War es eine bewusste Entscheidung Bulgarien zu verlassen, oder war es studientechnisch nicht anders möglich?
E.: Ich wollte eine Veränderung. Dadurch, dass ich früher immer einige Sommer in Amerika verbracht habe, bin ich es gewohnt an anderen Orten zu sein. Die letzten zwei drei Jahre in Bulgarien bin ich gar nicht mehr weg gewesen und daran wollte ich etwas ändern.. Ich wollte ja auch noch weiter studieren und eine andere Sprache lernen, da ich eine Sprache am besten vor Ort lerne.
M.: Du sagst du kennst viele Bulgaren in Wien, das bringt mich zu einer spannenden Frage; fast jeder weiß ja, dass in Wien sehr viele Bulgaren leben und dennoch haben Österreicher und Bulgaren nicht sehr viel miteinander zu tun. Ich beobachte das auch an der Uni, wo jedes Grüppchen unter sich bleibt. Es gibt eigentlich kaum Austausch… Beobachtest du das auch?
E.: Ja, das konnte ich oft beobachten und ich glaube es ist einfach so. Als wir mit der Zeitschrift begonnen haben, haben wir auch genau daran gedacht. Wir wollten helfen, dass die Bulgaren zusammenkommen, dass es nicht zehn hier und zwanzig dort gibt. Zuerst die Bulgaren untereinander und dann natürlich auch die Österreicher und die Bulgaren.
M.: Zuerst war die Motivation also die Bulgaren zusammenzubringen?
E.: Nein nein…die Zeitschrift war von Anfang an zweisprachig und sie hatte schon den klaren Auftrag, den Österreichern mehr von Bulgarien und seinen Menschen zu zeigen. Es ist schon ein Wunsch, die beiden Kulturen miteinander zu vergleichen, vor allem aber sie aus der gegenseitigen Perspektive kennen zu lernen.
M.: Hast du denn die Trennung der beiden Kulturen schon am Anfang, als du nach Österreich gekommen bist gespürt, oder hat sich das erst im Lauf der Zeit entwickelt?
E.: Weiß du, bei mir persönlich ist diese Trennung gar nicht so ausgeprägt.Meine Freunde sind ziemlich international, viele meiner bulgarischen Freunde sind mit Österreichern verheiratet. Als ich nach Österreich gekommen bin habe ich überhaupt kein Deutsch gesprochen. Ich habe mich ganz bewusst von den Bulgaren isoliert um mich auf die deutsche Sprache konzentrieren zu können. Ich habe mich also zuerst nur mit Österreichern getroffen, oder meine bulgarischen Bekannten genötigt deutsch mit mir zu sprechen. So hat das funktioniert. Ich habe gemerkt, dass wenn man offen ist, man auch etwas zurückbekommt. Ist man das nicht, dann kann man auch keine Offenheit erwarten…
M.: Wann genau kam dir die Idee, die Zeitschrift „Bulgaren in Österreich“ zu machen? War es eine Initiative nur von Dir, oder hattest du Mitstreiter?
E.: Ich habe 2006 mit meiner Kollegin Tatyana Ribarska begonnen. Angefangen hat es an der Uni. Wir, die Studenten, sollten eine Idee projektplanerisch umsetzen. Da mein Mann, der Serbe für eine serbische Zeitschrift hat, ist mir diese Idee eingefallen.

Tatyana Ribarska - Leiterin Marketing
M.: Hier in Österreich? Ist sie auch zweisprachig?
E.: Ja, in Österreich. Zur Zeit ist sie aber nur auf Serbisch.
Das hat mir jedenfalls bei dem Projekt geholfen. Die Lehrerin hat mich und andere Bulgarinnen zusammengebracht und so haben wir angefangen. Es war allerdings zuerst als ein rein theoretisches Projekt geplant, wie viel es kosten wird, wie man die Zeitschrift verbreiten kann, die ganze Organisation. Am Ende hat sich aber nur eine Kollegin entschieden mit mir weiterzumachen. So haben wir also zu zweit begonnen und ich habe alle meine Österreichischen und Bulgarischen Freundinnen und Freunde dazu gebracht auch etwas zu schreiben oder zu übersetzen.
M.: Wie lange gibt es „Bulgaren in Österreich“ jetzt schon?
E.: Die Zeitschrift gibt es seit fast zweieinhalb Jahren. Bisher sind 16 Ausgaben erschienen, die 17. ist schon geplant.
M.: Wie funktioniert das denn alles im Detail, welche Schritte müsst ihr planen, bis die Zeitschrift auf dem Tisch liegt? Zu zweit…das ist ja enorm viel Arbeit?
E.: Organisieren tun wir es zu zweit, das stimmt. Es gibt aber mehr Leute, die schreiben, 20 in etwa. Meistens brauche ich zwei bis drei Wochen, um die Ideen in meinem Kopf reifen zu lassen. Dann mache ich mich auf die Suche nach Leuten, die die Texte schreiben.
M.: Du überlegst dir die Themen also alleine?
E.: Nein, meistens überlege ich zusammen mit Tanya und es passiert jetzt auch immer öfter, dass Leute zu uns kommen und uns Themen vorschlagen, über die es interessant zu berichten wäre. Manchmal kommt aber auch nichts von außen und dann wird es mit der Zeit schon urschwierig Themen zu suchen und zu finden.
Hat man aber erstmal die Phase der Themenfindung hinter sich, dann geht alles seinen Lauf. Man verteilt sie an die Leute, die schreiben, gibt die Texte dann weiter an einige Bulgarinnen, die übersetzen und die Österreicher korrigieren das Übersetzte. Am Ende steht die Zusammensetzung und das Layout.
M.: Wie wird das denn alles finanziert? Da kommt ja doch einiges zusammen. Bekommt ihr irgendwelche Förderungen?
E.: Wir bekommen eine kleine Förderung vom Magistrat 7, das reicht aber vorne und hinten nicht.
M.: Ihr bekommt also nichts von bulgarischer Seite? Nichts von Kulturinstitutionen, vom bulgarischen Kulturministerium? Nichts? Aber ihr habt versucht Förderungen zu bekommen? Und wenn, mit welcher Begründung wurde das abgelehnt?
E.: Die Begründung war, dass im Kulturbudget diese Sparte nicht existiert.
M.: Und die wird auch nicht geschaffen…War und ist das für dich eine Enttäuschung? Als Antwort lachst du, als wolltest du damit sagen: „ahh…typisch“..
E.: Ja, genau. Anfangs haben wir noch gehofft, aber dann haben wir gesehen, wie die Bürokratie funktioniert und das solche Projekte keine Chancen haben, wenn man es nicht selber finanziert, oder es auf anderem Wege schafft.
M.: „Bulgaren in Österreich“ lebt also von Werbeeinnahmen. Reicht das? Kommt ihr damit über die Runden? Ich nehme an ihr werdet nicht reich damit…?
E.: Im Gegenteil, wir zahlen immer noch drauf. Das Geld reicht für Druck und Post. Der Rest geschieht ja alles auf freiwilliger Basis. Das macht die Arbeit sehr schwierig. Die Leute werden ja nicht bezahlt und dennoch fragt man immer wieder nach ihrer Zeit und ihren Anstrengungen. Grade deshalb bin ich aber auch so froh, dass es immer noch Leute gibt, die trotzdem mitmachen.
M.: Nach zweieinhalb Jahren seid ihr aber gewissermaßen schon etabliert und es besteht keine akute Gefahr, dass ihr aufhören müsst?
E.: Solange die Werbeeinnahmen kommen, können wir weitermachen.
M.: Ihr tretet in der Öffentlichkeit aber auch eher dezent auf. Ich habe am I nstitut für Slawistik noch nie ein Heft von Euch gesehen, auch nicht im Haus Wittgenstein, oder in irgendeinem Café.
E.: Dabei schicken wir immer wieder Ausgaben an einige Professoren mit dem Ziel, dass diese die Zeitschrift an der Bulgaristik verteilen. Herr Miklas z.B. hat schon einige Ausgaben erhalten und auch Frau Mark. Die beiden sind doch noch an der Uni tätig?
M.: Ja ja…
E.: Na wohin gehen dann unsere Ausgaben?
M.: Die werden wohl zu Hause landen… Bekommt ihr sonst Feedback und wie viele Menschen erreicht ihr damit?
E.: Wir drucken 5000 Stück pro Auflage. Viele der Abonnenten sind Österreicher. Man sieht also, dass es Interesse an Bulgarien gibt.
Natürlich lesen es auch die Bulgaren, davon sind viele Studenten, wie viele genau kann ich aber nicht sagen. Verteilt wird überall, wo Bulgaren verkehren; Kirchen, Restaurants, bulgarische Geschäfte.
M.: Hauptsächlich aber in Wien?
E.: Außerhalb von Wien haben wir auch Abonnenten, in Graz, Salzburg und Linz zum Beispiel, aber auch vom Land. Und Feedback bekommen wir auch hauptsächlich über die Abo-Anfragen. Die Menschen bedanken sich dann für die schöne Zeitschrift und fügen oft an, wie interessant hilfreich sie sie finden. Auch die Artikel und Anzeigen in der Zeitschrift werden positiv erwähnt. Gestern habe ich zum Beispiel eine Email von einem jungen Mann, Österreicher, bekommen, der schreibt, dass er einen Architekten interviewen möchte und ob das für die Zeitschrift interessant wäre, es könnte auch übersetzt werden und er würde sich um Fotos und alles kümmern. So etwas ist für uns natürlich perfekt.
Feedback bekommen wir also, im Forum allerdings schreibt kaum jemand.
M.: Das Forum auf der Website ist allerdings auch nur auf Bulgarisch, oder?
E.: Nein eigentlich nicht, auch das Forum ist zweisprachig, aber trotzdem geht da wenig vorwärts.
M.: Wie habt ihr vor weiter zu machen, was ist eure Perspektive?
Es wird ja als Kulturmagazin bezeichnet und wenn man alleine die vorletzte Ausgabe betrachtet, vor allem das Interview mit dem Übersetzer Alexander Sitzmann, dann stellt man fest, dass es wirklich feine Arbeit ist. Das ist und bleibt also eure Richtung?
E.: Sicher. Das ist und bleibt unsere Richtung und ich will auch keine Politik in der Zeitschrift. Es bleibt bei der Kultur der Länder. Dennoch wünsche ich mir, dass jetzt noch mehr über Österreich geschrieben wird. Verbesserungswürdig scheint mir der Kontakt mit dem Publikum, also den Lesern. Es hat ja auch immerhin etwa ein Jahr gebraucht, bis die Leute gemerkt haben, dass wir da wirklich was Gutes machen, es braucht also Zeit. Und die Leute brauchen uns inzwischen.
M.: Du denkst die Leute brauchen euch?
E.: Ja, sie brauchen uns.
M.: Wofür?
E.: Für ein bisschen Selbstbewusstsein. Wir möchten auch langsam anfangen, Bulgarien zu kritisieren. Natürlich nur, wenn es Gründe für Kritik gibt, nicht einfach schimpfen, sondern um andere Wege zu zeigen. Ich finde inzwischen nicht mehr ganz richtig, wenn man nur positives schreibt. Es ist genau so wichtig, auch die andere Seite zu zeigen. Bisher haben wir aber versucht, nur die guten Seiten darzustellen. Aber wenn man als Ausländer am Flughafen in Sofia ankommt und dann die Taxifahrer trifft, die gleich mal 40 Euro für eine Fahrt ins Zentrum kassieren wollen, für fünf Kilometer, das ist schlimm! Und jetzt, wo wir uns schon etwas etabliert haben, können wir uns ein bisschen Kritik glaube ich auch leisten. Und dann wollen wir vielleicht den Österreichern, die nach Bulgarien fahren Tipps geben, worauf sie achten sollen, dass sie wissen, wie sie ihre Rechte verteidigen können. Ich selber hatte das letzte Mal in Bulgarien wieder einen Eklat mit den Taxifahrern und das obwohl ich auf sie vorbereitet war…ich konnte es nicht glauben…es hat mir die Stimmung für die nächsten zehn Tage verdorben.
M.: Willst du den Vorfall erzählen?
E.: Ach was gibt es da zu erzählen, er hat einfach versucht uns anzulügen und war furchtbar arrogant, übelste Sorte, es hat keinen Sinn das nochmal zu erzählen.
M.: Zurück zur Zeitschrift. Hast du daran gedacht, die Zeitschrift in Bulgarien selber herauszugeben, oder dort zu verteilen?
E.: Es wird verteilt. Wir schicken ständig Ausgaben an verschiedene Ministerien, an die Bibliothek und außerdem legen wir welche in die Reisebusse, die von Bulgarien nach Österreich fahren. Damit wollen wir die Bulgaren erreichen, noch bevor sie nach Österreich kommen. Sie wissen dann wo zum Beispiel bestimmte Konzerte stattfinden, welche Orte sich zu besuchen lohnen und welche Menschen, Bulgaren und Österreicher überhaupt in diesem Land leben.
M.: Verteilt ihr auch an deutschen Schulen in Bulgarien, oder am Goetheinstitut zum Beispiel?
E.: Bisher hatten wir da noch keine Kontakte, es ist aber eine gute Idee. Ich weiß aber auch nicht, ob wir den Ansprüchen des Goetheinstituts genügen würden.
M.: Kulturzeitschrift ist natürlich ein großes Wort und grade in Bulgarien haben solche, speziell in der Wiedergeburtszeit, aber auch davor und danach, sei es in München oder Bukarest, eine große Tradition, siehst du dich in dieser Tradition? Auch in deiner Funktion als „Exilbulgarin“?
E.: Lernst du das alles in der Uni? Nein, in diesem Bereich kenne ich mich nicht so aus und es ist auch nicht als Weiterführung einer Tradition gedacht. Es war ein ganz eigenes Projekt. Aber kurz nachdem wir begonnen hatten, haben wir erfahren, dass es vor vielen Jahren hier in Österreich eine vergleichbare Zeitschrift gegeben hat. Sie hat 15 Jahre bestanden und sah sogar ganz ähnlich aus, zweisprachig mit fast den selben Rubriken, auch das Format glich sich. Wahrscheinlich bekommt man einige Ausgaben noch im Haus Wittgenstein. Sie hieß „Novini“
M.: Kennst du die Leute, die diese Zeitschrift gemacht haben?
E.: Ja, der Herausgeber heißt Philipov, er ist aber kürzlich gestorben. Er war über 88 Jahre alt, glaube ich. Und dann hat noch eine Dame mit ihm gearbeitet, die jetzt den bulgarischen Kulturverein „Kyrill und Methodii“ in Wien als Vorsitzende leitet, über den wir auch schon berichtetet haben. Einige ihrer Aktivitäten sind Leute aus Bulgarien einzuladen, die Vorträge über die bulgarischen Wurzeln halten.
M.: Weißt du, warum diese Zeitschrift nicht mehr existiert?
E.: Geld. Es lag am Geld. Die haben das ja genau wie wir freiwillig gemacht. Es ist wirklich viel Arbeit und irgendwann fehlt dann vielleicht auch der Enthusiasmus, das weiter zu machen.
M.: Das kann ja für dich nicht grade motivierend sein, zu sehen, dass eure „Vorgänger“ 15 Jahre gekämpft haben und dann doch aufgeben mussten.
E.: Ja es ist so, auch bei uns. Manchmal wissen wir nicht, wie die nächste Ausgabe finanziert werden soll. Und es mangelt einfach auch an der materiellen Unterstützung. Die Bulgarische Community ist sehr froh, dass es die Zeitschrift gibt, aber wir haben beinahe nie Spenden oder sonstige Hilfe bekommen.
M.: Was ist denn eigentlich die Bulgarische Community? Wie sieht die hier in Österreich aus? Ist sie heterogen? Gibt es eher Reiche oder Arme?
E.: Es ist sehr unterschiedlich. Es gibt zum Beispiel viele bulgarische Taxifahrer hier in Wien. Und Reiche kenne ich an sich auch wenige, dafür aber Erfolgreiche, mit viel Potential. Einige von ihnen haben wir auch schon in der Zeitschrift vorgestellt. Viele interessante Leute.
M.: Ja, viele von ihnen greifen ja regelrecht in die österreichische Gesellschaft ein und gestalten sie mit. Dimitre Dinev zum Beispiel, der ja andererseits auch wieder viel für bulgarische Autoren tut. Oder die Brüder Wladigeroff.
E.: Ja ja, eben…die haben wir alle präsentiert, die Wladigeroffs und auch ihre Schwester Ekaterina, Dimitre Dinev und IliaTrojanov. Auch die bulgarische Opernsängerin Krassimira Stoyanova und auch Professor Miklas war schon auf dem Titelblatt.
M.: Anderes Thema. Denkst du manchmal darüber nach nach Bulgarien zurück zu gehen, oder ist das unvorstellbar?
E.: Diese Frage stellt einfach jeder immer wieder gerne…
Ich bin mit einem Serben verheiratet, was würde der wohl in Bulgarien machen? Für mich gäbe es vielleicht heute Möglichkeiten in Bulgarien zu arbeiten, aber für ihn…? Wir haben hier unser Leben eingerichtet. Es steht also momentan nicht zur Debatte. Außerdem glaube ich, dass ich für die Bulgaren, auch in Bulgarien, mehr von hier aus machen kann, als von dort. Denn hier mache ich die Zeitschrift und nicht dort; dort wäre es vielleicht gar nicht möglich und nötig.
M.: Was mich an Bulgarien reizt ist eben dieses Chaos, was dich eher abschreckt. Ich bin ja in Süddeutschland aufgewachsen und habe dann im ganzen deutschsprachigen Raum gelebt, auch in der Schweiz und jetzt hier in Österreich. Ich weiß, wie es hier aussieht, alles ist grade, alles ist sauber, die Menschen sind ernst…klar bewege ich mich jetzt in Schubladen, aber wenn ich in Bulgarien bin dann fühle ich…
E.: …Freiheit…
M.: Nein, nicht Freiheit. Es sind die Eindrücke, die Bilder, die mich jedes mal wieder überraschen und faszinieren. Mir macht es gar nichts aus, dass es staubig und anstrengend ist, im Gegenteil.
E.: Naja, schau, ich habe Freundinnen in Sofia, die schon Kinder haben…
M.: Schön, dass du das sagst. Immer wenn ich in Sofia unterwegs bin fällt mir auf, dass es eigentlich im Zentrum unmöglich ist einen Kinderwagen zu schieben.
E.: Leider nicht nur im Zentrum, das ist überall so. Manchmal wissen sie gar nicht wo sie mit ihren Kindern zum spielen gehen sollen.
M.: Ja, aber das wird alles noch, denkst du nicht? Jetzt gibt es ja schon den ersten Fahrradweg in Sofia… zwei Kilometer!
E.: ECHT? Und da fahren die armen Radfahrer dann immer hin und zurück? Es stimmt schon, es sind sehr viele kleine Schritte, aber auch sehr viele, bei denen überhaupt nicht nachgedacht wird. Schau dir schon mal alleine an, wie viel und wie unsinnig gebaut wird. Oder was sie mit dem Meer gemacht haben, mit der Küste…keiner von meinen Bekannten fährt noch ans Schwarze Meer. Früher habe ich das Meer so gerne gemocht, heute ist es unmöglich. Total verbaut. Braucht man all diese Gebäude?
M.: Da hast du recht, auch Bansko zum Beispiel. Es hat durch den „Aufschwung“ vieles verloren, was es damals typisch gemacht hat. Heute ist es so wie an der Adria oder in Südspanien, einfach grauslich.
E.: Das man aber aus genau diesen Fehlern nicht gelernt hat, das verstehe ich nicht.
M.: Liegt es auch daran, dass sich so wenige Leute einsetzen?
E.: Aber nein, es gibt viele, die sich einsetzen. Ich selber habe schon an solchen Initiativen in Bulgarien teilgenommen. Die Meinung der Menschen wird aber nicht berücksichtigt.
M.: Es gibt wirklich welche, die sich wehren? Das höre ich zum ersten Mal.
E.: Vor allem viele Junge Menschen versuchen Dinge zu verbessern. Und sie organisieren sich auch zunehmend, vor allem in den Städten, aber bisher finden sie kein Gehör. Seit etwa einem Jahr gibt es auch ein bulgarisches Pendant zu den Grünen Parteien in Europa….
M.: …ich habe gehört, dass die Grünen in Bulgarien von einer Versicherung finanziert werden? Das ist doch auch etwas dubios, oder?
E.: Ja, das habe ich auch gehört. Scheinbar steht irgendeine Investorengruppe hinter der Partei. Man fragt sich dann schon, was das für eine Grüne Partei sein kann… Aber so ist das in Bulgarien, wenn man Geld verdienen kann, dann verdient man es, egal ob es unmoralisch ist oder nicht.
M.: Also Kritik…ich sehe schon wie es losgeht. Soll das schon mit der nächsten Ausgabe beginnen?
E.: Nein ich denke noch nicht. Viele Leute sagen uns immer wieder, dass wir kritischer berichten sollen, aber kaum einer bringt sich ein. Es wird erwartet, dass das von uns kommt. Kritik lesen wollen alle, selber kritisieren will keiner. Man will nicht seinen Namen unter dem Artikel stehen sehen.
M.: Habt ihr denn eigentlich mal die Vergangenheit beleuchtet? Die Wende, das Davor und das Danach?
E.: Wir haben zwar eine Rubrik „Geschichte“, in der geht es aber eher um die bulgarische Community in Österreich. Alles andere bekommt dann gleich wieder so einen politischen Touch und das wollen wir nicht. Politik ist ein schmutziges Geschäft und die Meinungen sind geteilt. Wenn wir uns einmischen, dann verlieren wir eventuell unser Publikum, das können und wollen wir uns nicht leisten.
M.: Glaubst du nicht, die Abonnenten würden zahlen?
E.: Wir hoffen das inzwischen auch und werden versuchen, das mit den nächsten Ausgaben umzusetzen. So kann es eigentlich nicht weitergehen. Die Leute, die so interessante Sachen für uns schreiben, wollen wir auch halten und das geht kaum, wenn man immer nur auf freiwilliger Basis arbeitet.
M.: Was werden die Themen der nächsten Ausgabe sein?
E.: ……
M.: Sonst kann ich auch noch warten?
E.: Ja bitte warte noch. Es ist zwar schon fast alles im Kopf, aber es muss noch ausgearbeitet werden. Lass dich überraschen.
M.: Besuchst du regelmäßig bulgarische Veranstaltungen in Wien?
E.: Ich müsste, habe aber einfach zu wenig Zeit und ein bisschen auch die Lust verloren. Verstehe mich nicht falsch…ich mache die Zeitschrift sehr gerne, aber es ist sehr zeitaufwendig. Wenn ich dann noch die Veranstaltungen besuche und über sie schreibe, wenn ich dann auch noch mit den Anwesenden reden muss, dann wird mir das irgendwann einfach zu viel.
M.: Wie viel Zeit verwendest du denn für die Zeitschrift?
E.: Viel. Eigentlich jeden Tag, auch wenn es nur Koordination ist oder das Beantworten von Mails. Die meiste Arbeit fällt aber in den letzten zwei Wochen vor dem Erscheinungsdatum an. Dann muss die Ausgabe für den Druck vorbereitet und das Layout fertig gemacht werden. Da geht es oft stressig zu. Zum Glück habe ich meinen Mann und wir unterstützen uns gegenseitig. Er hat mir auch geholfen, mich überhaupt erst in viele der Programme einzuarbeiten, die ich ja noch gar nicht kannte.
M.: Ich finde es besonders schön, wenn aus Projekten längerfristige Dinge entstehen. Bist du stolz darauf das geschaffen zu haben?
E.: Ja, ich kann nicht behaupten, dass ich nicht stolz wäre… Und alles in allem überwiegen die positiven Seiten. Ich habe wirklich auch ganz persönlich von der Zeitschrift profitiert. Ich habe inzwischen sehr viele Kontakte und ich gehe heute anders mit Menschen um, es fällt mir leichter, mit ihnen zu sprechen. Ich war immer etwas zurückhaltend. Jetzt habe ich ein ganz anderes Selbstbewusstsein.
M.: Zeigen die österreichischen Medien Interesse an eurer Arbeit?
E.: Generell glaube ich, dass sich die österreichischen Medien nicht besonders für Immigranten-Initiativen interessieren. Dafür haben wir aber viele Kontakte zu anderen Migrantenmedien. Wir sind halt auch keine Profis und dann möchte ich nicht erwarten, dass sich professionelle Medien mit uns beschäftigen.
M.: Du ich finde die „professionellen Medien“, grade in Österreich, werden überbewertet. Oft sind die Artikel belanglos und oft sogar schlecht geschrieben. Ich glaube ihr braucht euch da nicht zu verstecken.
E.: Wahrscheinlich hast du da sogar recht.
M.: Euer erstes Heft ist beinahe gleichzeitig mit dem Beitritt Bulgariens zur europäischen Union erschienen. Habt ihr darüber berichtet?
E.: Ja, wir haben dem einen Teil gewidmet.
M.: Im Gegensatz zu Beitritt der baltischen Staaten, kam mir der Aufwand, der um Bulgarien und Rumänien betrieben wurde relativ gering vor. Kannst du dir das erklären?
E.: Ich denke man hat uns nicht wirklich in Europa gewollt.
M.: Denkst du Europa tut Bulgarien gut?
E.: Wenn wir uns auf das Projekt einlassen dann ja. Aber die Bulgaren sind
so stur und denken sie sind so clever, dass ich daran zweifle.
M.: Und du? Fühlst du dich wohl in Österreich? Es ist ja auch nicht immer das einfachste Land für Migranten….
E.: Ich hatte mit Österreich nie grosse Probleme. Natürlich gibt es immer Probleme, aber nicht solche, die man nicht lösen könnte. Von Freunden habe ich schon immer wieder mal was gehört, aber ich habe es nicht gemerkt.
M.: Du willst aber nicht wie Dinev zum Beispiel die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen?
E.: Nein, ich bin Bulgarin und ich bin stolz eine Bulgarin zu sein. Auch wenn Sachen gibt, die mir nicht an meinem Land gefallen. Wenn wir alle etwas positiver denken würden, wäre schon ein großer Schritt nach vorne getan. Und stolz bin ich auch, was ich für Bulgarien tue, wenn auch aus der Distanz. Und wenn mir jemand sagt, du bist doch im Ausland, du kannst nichts verändern, dann ist das gerade eine Herausforderung für mich!
